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Flurnamen in Pronsfeld

Neben Urkunden, mündlichen und schriftlichen Erzähltraditionen und Funden sind Flurnamen vielfach bedeutende Hinweise und interessante Quellen für die Lokalgeschichte, die Mundartforschung oder die Sprachgeschichte eines Ortes. Das gilt ebenfalls für den Ortsnamen selbst, für Ortsteil- oder Straßenbezeichnungen.

Viele Flurnamen gehen zurück in die Jahre der ersten Besiedlung, also in die Germanen- und Römerzeit. Andere sind jüngeren Datums oder wurden erst in den letzten Jahren neu gefunden; dies gilt insbesondere für Straßennamen in neu entstandenen Siedlungsgebieten. Durch Gebietsveränderungen und Eingriffe in das Landschaftsbild sind dagegen einige Flurnamen aus dem Sprachgebrauch verdrängt worden. Vielerorts haben sich diese Benennungen dennoch im Volksmund erhalten. Andere Namen unterlagen sprachlichen Veränderungen, wie dies auch in anderen Bereichen des Kultur- und Sprachgutes zu verzeichnen ist. Bei der Übertragung mündlich überlieferter Namen ins Mittelhochdeutsche oder Hochdeutsch ging nicht selten der Ursprungssinn verloren oder er wurde verfälscht. Andererseits hat diese Übertragung auch viele Flur- und Ortsnamen ”gerettet". Somit dienten die amtlichen Flurkarten und Register oftmals als Karteien mit endgültigen Charakter. Bei dem Versuch, die örtlichen Flurbezeichnungen meiner Heimatgemeinde Pronsfeld zu untersuchen, stieß ich nicht selten auf Sprach- und Verständnisgrenzen. In einigen Fällen lässt sich eine Deutung nicht herbeiführen, in anderen nur vermuten. In der folgenden Arbeit möchte ich mich auf diejenigen Flurnamen beschränken, die zweifelsfrei eine Deutung zulassen oder mit ziemlicher Sicherheit auf eine Sinndeutung schließen lassen. Verschiedentlich treffen wir solche Bezeichnungen auch in anderen Dörfern der Westeifel oder in Ostbelgien an, so dass sie nicht unbedingt ortstypisch sein müssen.

Der Ortsname
Pronsfeld - dieser Ortsname erklärt sich aus ”Prumizfeld" und bedeutet ”Feld an der Prüm". Er ist als römisch - keltischer Begriff entstanden. Im Laufe der Zeit hat sich der Ortsname mehrfach verändert, was mit den oft wechselnden Herrschaften zu tun hat: 1045 Prumizuelt, 1103 Prumizfeld und Prunzfeld, 1270 Proincefeld, 1400 Prunsfeld. In einer Statistik aus dem Jahre 1793 erscheint erstmals der Name ”Pronsfeld", wie er bis heute Bestand hat (s. Oster, Geschichte der Pfarreien, Bd. 3, 5. 28/29).

Die Ortsteile
Pronsfeld hat seit der Gebietsreform vier (inoffizielle) Ortsteilbezeichnungen: Unterdorf, Mitteldorf, Oberdorf und Schlossheck. Alle Namen, auf den Kernort bezogen, haben lediglich Gliederungscharakter. “Grenzpobleme” gibt es keiner- alerdings: klarer wirdda bei der Brauchtumspflege vorgegangen: beim Klappern oder Burgbrennen gehen alle Ortsteile eigene Wege, übernehmen getrennte Heischegänge oder etwas differenziertere Praktiken.
Bemerkenswert bei diesen Ortsteilbezeichnungen ist der Name ”Holland", der lokalidentisch mit ”Unterdorf" ist. Hier ist die Namensherkunft einwandfrei klar: Das Gebiet jenseits der Prüm war in der Zeit des Kondominiums Pronsfeld im Besitz der Oranier. Insgesamt waren es 28 Häuser; die hier Lebenden unterstanden der Gerichtsherrschaft des Prinzen von Oranien (Anm.: Neben den ”Holländern" hatten Trier, Hartelstein und Neuerburg Hofanteile an Pronsfeld). So hat sich im Volksmund der Name ”Holland" erhalten, und die Bewohner nennen ihn mit einem gewissen Stolz. Ein neuzeitlicher Brauch hat sich bei den jüngeren Leuten herausgebildet: Die letzten nächtlichen Heimkehrer bedienen beim Passieren des ehemaligen Bahnübergangs eine eigens installierte Glocke, um anzuzeigen, dass alle ”Holländer" unter sich sind. Wie gesagt, kein gewachsener Brauch, erst recht kein geschriebenes Gesetz, aber ein Beispiel für richtig verstandene Brauchtumsschaffung und -pflege.

Flurnamen
Bei der Durchsicht des Registers von 1882 stieß ich auf 188 Flurnamen in den Fluren der Gemeinde Pronsfeld. Etwa 100 Bezeichnungen finden sich im Folgenden wieder. Folgende Gruppierung nahm ich vor:

  • Flurnamen auf ”-höhe, -berg, -knopf", Furnamen rund um die Mühle,
  • Flurnamen auf ”-seifen, -bach, -born",
  • Flurnamen auf ”-paisch, -wiese, -garten",
  • Flnamen auf ”-dell, -dellt"
  • Flurnamen auf ”-feld, -heck, -büsch",
  • sonstige Flurnamen.

Flurnamen auf ”-höhe, -berg, -knopf"
Geschichtlich eindeutig nachweisbar ist der Flurname ”Auf dem Galgenknopp" (auch Galgenhöhe, Galgenberg) und ”In der Galgendell". Diese Anhöhe östlich von PronsFeld (Höhe 466 Meter) weist auf das Gerichtswesen im Mittelalter hin. Hier lag die Ausübung der Gerichtsbarkeit in den Händen der Grundherrn von Kurtrier. Wahrscheinlich hat das Pronsfelder Gericht seinen Ursprung nach dem Untergang der Fränkischen Gaugerichte. Die Gerichtsherren setzten sich zusammen aus drei Vögten und einem geschworenem Boten. Darüber hinaus stellte jede Ortschaft des Kondominiums - insgesamt 22 Dörfer - einen Schöffen. Schwere Straftaten, etwa bei Mord, wurden hier auf dem ”Knopp" sofort mit dem Tode bestraft. ”Tod am Galgen" bedeutete für die in Pronsfeld Verurteilten den Gang zur Anhöhe hinauf, wo die Richtstätte war und wo der Henker - oft vor Publikum - die
Erhängung vollzog.
Weitere Erhebungen rund um Pronsfeld sind der ”Heiderbüschknopf", ”Am Butterknopf", ”Auf Dienstknopf", ”Auf dem Kopf", ”Vor dem Hochberg" und ”Auf dem Hochberg". Ferner gibt es ”Auf dem Kirschberg", ”Vorm Kirschberg", ”Im Schleiferberg" (Herkunft unbekannt) und ”Unter der Höhe". Letztgenannte Flur befindet sich in Ortsnähe am Fuße des Hochberges, der markanten Erhebung am westlichen Dorfrand.

Flurnamen rund um die Mühle
Ein wirtschaftlicher Mittelpunkt und ein Ort der Kommunikation war in früheren Zeiten die Mühle. Entsprechend haben sich Flur- und Wegnamen bis heute ohne jeden Bedeutungswandel erhalten: ”Hinter der Mühle", ”Bei der Mühle" oder ”Auf der Mühlengasse" bezeugen eine feine Differenzierung der einzelnen Flächen rund um die Mühle, wie es aus dem ”Verzeichnis der einzelnen Distrikts- und Gewannen - Namen" von 1882 zu entnehmen ist. Hingegen ist die Bezeichnung ”Im Mühlenfeld", einer Lage fernab der ehemaligen Mühle, unklar. Oder ob es hier eine zweite Mühle gab? Nichts deutet jedoch darauf hin. Die neue Klassifizierung in “Müllergasse” ist eher atypisch und auch ortsfremd.

Flurnamen auf ”seifen, -bach, -born"
Sehr zahlreich sind im Prümtal und den angrenzenden Berghängen die Bezeichnungen mit den Grundwörtern ”Seifen", ”Born" und ”Back". ”Seifen" bezeichnet ein schmales Quellbächlein, im weiteren Sinne auch das gesamte Tälchen mit dem Bachlauf. Somit sind Benennungen wie ”Im Lauterseifen" oder ”Auf Lodenseifen" Hinweise auf Tallagen am Bergeshang. Gleiches gilt für die Silbe ”bur" = Bauer (siehe Jahrbuch des Kreises Prüm 1963, S. 102). Ortsnamen wie Kalenborn, Hasborn u. a. haben hier ihren Ursprung. Dies würde dann auf Hütte und Haus hindeuten, vielleicht auf eine landwirtschaftlich bebaute Fläche. Im Falle des Pronsfelder Flurnamens ”Vor Kuhborn", ”Unter Kuhborn" und ”Im Kuhborn" dürfen jedoch das Quellgebiet namensprägend gewesen sein, obwohl gerade hier römerzeitlich eine Besiedlung und eine Saalhausvilla nachgewiesen werden kann. Einige Bächlein haben hier ihren Ursprung, im besonderen die ”Wetes", die allesamt dem Vieh als Wasserspender dienten. Weitere ”Born-Bezeichnungen" sind: ”Im Lehenborn", ”Auf dem Schanzenborn", ”Auf Sponsborn", ”Auf dem Eisborn", ”Ober Eißelborn", ”Auf Loorbom", ”Auf Langenborn", In ”Hinter Mäckenborn". Bachläufe der Prüm, Alf, Bier und kleinere Nebenbäche, gaben Flurnamen wie ”Im der Kärkenbach", ”Ober in der Rothenbach", ”In der Lünebach", ”Ober der Schwarzbach", ”in der Nußbach" ihre Bezeichnung. Hier ist der Boden entsprechend gut durchwässert und oftmals unbegehbar (Alfbachtal).
Woher kommt der Name ”Bierbach"? Mit dem Gerstensaft hat er gewiss nichts zu tun. Möglich ist folgende Version: Es handelt sich um eine Flur, die meist dem Zuchteberhalter als Lohn für die Gestellung des ”Biers" (Eber) zur Nutzung überlassen wurde. ”Alf" und ”Prüm" konnten sich schon zur Römerzeit fast unverändert so nennen: Prumia" und ”Alve". ”Prumia" gab zwei Orten gar den Namen (Prüm und Pronsfeld), ”Alve" dem Weiler ”Bleialf". Eine Besonderheit stellte die Bezeichnung ”Laag" (Laach) dar. ”In der Laag", ”Ober in der Laag" und ”Unter Laager Garten" sind Fluren im Prümtal, die im Talgrund, umgeben von seitlichen Hängen, gelegen sind.
Die seitlichen Hänge nennt der Volksmund ”Rech", eine Böschung also, zu deren Füßen Schlehen und Weißdorn wuchsen.

Flurnamen auf ”paisch, -wiese, -garten"
”Paisch", lat. pascum, bedeutet eingefriedete Weide. Diese lag überwiegend in der Ortslage selbst, in Nähe der Häuser und Höfe. Die Stockhäuser daneben gaben dem ”Paisch" den Namen: ”Auf Schweinepaisch", ”Auf Knuppenpaisch", ”Auf Scholzenpaisch", ”Auf Ludespaisch", ”Auf Tilmespaisch", ”Auf Eltgespaisch", ”Auf Scholerpaisch", ”Im untersten Paisch", ”Auf Kribspaisch", ”Auf Zeimethpaisch", ”Auf Schulpaisch". Heute noch sind diese Haus- und Parzellennamen mitten im Dorf geläufig. Wie im letzten Jahrhundert das erstgeborene Kind laut Stockerbenrecht Gut und Haus ungeteilt ererbte, so haben sich unverändert Bezeichnungen dieser Art bis heute erhalten. Ahnliche Aussagen über Besitzverhältnisse finden wir bei den Bezeichnungen auf ”-wiese" und ”-garten": ”Auf Krämergarten", ”Ober Langengarten", ”Im Rollengarten", ”Auf Klemesgarten" und ”Auf der Eizwiese", ”Unten in der Micheiwiese", ”Auf der Nauwiese".

Flurnamen auf ”dell", ”dellt"
Kommt der Name ”Dell" von ”Delle"? Es ist anzunehmen, da die Landschaftsform dies zu bejahen gestattet. Eine ”Dell" ist eine Senke oder Vertiefung. In Pronsfeld trifft diese Vertiefung zumeist für Höhenlagen im Osten des Dorfes zu. Beispiele hierfür sind ”In der Finkendell", ”In Thommesdell", ”In der Kirchdell", ”In der Galgendellt", ”Auf Wöltgesdellt". Westlich im Alfbachtal finden wir dann noch eine Bezeichnung: ”In Heiderbüschdellt". Für alle Lagen gilt: Sie sind wasserreich und fruchtbar -und das in Bergeshöhe. Im letzten Fall bezeichnet eine bewaldete Stelle die Dell, ansonsten sind es Familiennamen, die die Parzelle konkretisieren.

Flurnamen auf ”feld, -heck, -büsch"
Die Landschaft und ihr Bewuchs sind namensgebend und -prägend für die folgende Gruppe von Flurnamen. Durch den Waldreichtum sind diese Flurnamen, die auf ”büsch" und - später nach der Rodungsperiode - auf ”feld" und ”heck" hinweisen, bestimmt. Die ”-büsch" - Gruppe bezeichnet des weiteren hier auftretende Tiere oder Baumarten: ”Auf Hasenbüsch", ”Im Hunertbüsch" oder ”Im Haselbüsch" - ”Hinter Kutschbüsch", ”Im obersten Heiderbüsch", ”Bei dem Tauschbüsch". Landschaftsbestimmend war auch die Hecke, die oftmals auch eine Grenze markierte: ”Auf der Honigshecke", ”Bei der Honigshecke", ”Auf der Schloßheck", ”Bei Klemesheck", ”In der Geißheck", ”In der Rothheck", um nur einige Beispiele zu nennen. Die Benennungen ”Im Mühlenfeld" und ”Im Kobenfeld" lassen keine genauen Deutungen zu.

Sonstige Flurnamen
”Im Scheid" - ein Flurname, der sich aus dem Althochdeutschen ”Sceida" erklären lässt.
Demnach markiert ”Scheid" eine Trennung, eine Grenze, ein abgetrenntes Flächenstück. ”Eicherich", ”Unter den Eichen", ”Auf den Eichen": Hier wird auf Baumbewuchs hingewiesen. Aber sind es Eichen oder Eschen? Esche heißt hier ”Eiche" und Eiche ”Eech". Hinweise auf örtliche Begebenheiten liefern Flurbenennungen wie ”Auf dem roten Acker", ”In der Steinrausch", ”Auf dem krummen Morgen", ”In der Kaul", ”Im hohlen Baum" u.v.a. Von Tierhaltung und Tieraufenthalt zeugen Bezeichnungen wie ”Im Hähnenwinkel", ”Auf der Schafbrücke", ”Bei der Kuhbrücke", ”Jenseits der Kuhbrücke".
Nicht interpretationsfähig sind Flurnamen wie ”Vor Armichel", ”Auf Haßelt", ”Auf Siliert", ”Auf Heinsert" (Hinsert) oder ”In der Nöll". Hier war kein Zusammenhang herzustellen oder ein Ursprung auszumachen.

Geschichtlich interessant sind Namen wie ”Masthorner Pfad", ”Am Richtenpfad", ”Hinter dem steinernen Kreuz" und ”Hinter dem Matzerather Kreuz". Diese Namen weisen eindeutig auf Fußverbindungen der Filialorte zur Urpfarrei Pronfeld hin. Meist waren es Kirchenpfade, die zudem markiert waren durch ”Orientierungshilfen", die besonders im Winter wichtig waren. Ob die erwähnten Kreuze darüber hinaus aus einem bestimmten Anlass (Unglück, Pest) errichtet wurden, lässt sich heute nicht mit Sicherheit sagen.

Abschließend lässt sich feststellen, dass diese kleine Forschungsarbeit sich außerordentlich gelohnt hat. Wie schon einleitend gesagt, liefern die Flurnamen bedeutende Informationen für die Lokal- und Sprachgeschichte unserer Orte. Diese Arbeit erhebt allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit und absolute Sicherheit. Für ergänzende Hinweise und Kritik bin ich sehr dankbar.

Quellen: Delvos, H., Stadtkyller Flurnamen und ihre Deutung. In: Jahrbuch des Kreises Prüm 1963, 5. 98.
”Verzeichnis der einzelnen Distrikts- resp. Gewannen - Namen in den Fluren der Gemeinde Pronsfeld" (1882 ) - Leihgabe des Katasteramtes Prüm.
Schröder, Joachim, Von Prumizfeld bis Pronsfeld. Sonderheft des Geschichtsvereins Prümer Land, Prüm 1989.
Mündliche Erzähltraditionen.

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